
Welche Pre-Nahrung ist die beste? Das sollten Eltern wirklich wissen
Manchmal fühlt sich der Kauf einer PRE-Nahrung an wie ein Ausflug in den Dschungel der Werbeversprechen: HMO, Probiotika, Bio, palmölfrei, mit ARA, aus Algenöl, mit Spezialrezeptur. Da kann man schnell den Eindruck bekommen, dass man für sein Baby unbedingt die „perfekte“ Milch finden muss.
Die gute Nachricht zuerst: Für die allermeisten gesunden, termingeborenen Babys ist jede in Deutschland erhältliche PRE-Nahrung grundsätzlich geeignet. Die Unterschiede zwischen den Produkten sind oft deutlich kleiner, als es die Verpackungen vermuten lassen
Die wichtigste Botschaft vorweg
Wenn Stillen nicht möglich ist oder Eltern sich bewusst für Flaschennahrung entscheiden, müssen sie keine Angst haben, eine „schlechte“ PRE-Nahrung zu wählen. Alle PRE-Nahrungen in Deutschland unterliegen strengen gesetzlichen Vorgaben. Sie müssen Babys zuverlässig mit Energie, Eiweiß, wichtigen Fettsäuren, Vitaminen und Mineralstoffen versorgen. Die grundlegende Nährstoffzusammensetzung ist daher bei vielen Produkten erstaunlich ähnlich.
Die Unterschiede liegen nicht bei den Pflichtbestandteilen, sondern bei den freiwilligen Zusätzen.
Bio oder konventionell – was ist wichtiger?
Viele Eltern greifen automatisch zur Bio-Variante, weil sie davon ausgehen, dass diese gesundheitlich überlegen ist.
So einfach ist es nicht. Für die direkte Nährstoffversorgung des Babys spielt die Frage „Bio oder konventionell?“ vermutlich eine kleinere Rolle als die tatsächliche Zusammensetzung der Nahrung. Wer sich für Bio entscheidet, unterstützt vor allem bestimmte Standards bei Tierhaltung, Nachhaltigkeit, Umwelt- und Ressourcenschutz.
Palmöl – Freund oder Feind?
Kaum ein Inhaltsstoff wird so massiv und kontrovers diskutiert wie Palmöl.
Tatsächlich enthalten manche PRE-Nahrungen Palmöl, andere verzichten darauf. Einige Kinder haben unter palmölhaltigen Rezepturen einen etwas festeren Stuhl. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass palmölfreie Produkte grundsätzlich gesünder wären. Wissenschaftlich gibt es derzeit keine ausreichenden Belege dafür, Palmöl in Säuglingsnahrung generell meiden zu müssen. Wer Palmöl vermeiden möchte, tut dies meist aus ökologischen oder persönlichen Gründen.
DHA aus Fisch oder Alge – macht das einen Unterschied?
Viele Verpackungen werben heute mit Algenöl.
Das klingt modern und besonders hochwertig. Tatsächlich liefern Fischöl und Algenöl jedoch dieselbe Omega-3-Fettsäure: DHA (Docosahexaensäure). Diese ist für Säuglingsanfangsnahrung in der Europäischen Union vorgeschrieben. Die Herkunft allein sagt nichts darüber aus, ob eine Nahrung besser für die Entwicklung des Babys geeignet ist. Für manche Familien spielen ethische oder ökologische Aspekte eine Rolle. Aus ernährungsphysiologischer Sicht sind beide Quellen grundsätzlich geeignet.
ARA – der derzeit spannendste freiwillige Zusatz?
Neben DHA stößt man häufig auf die Fettsäure ARA (Arachidonsäure).
Die Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin empfiehlt, DHA und ARA gemeinsam anzubieten. Gleichzeitig bedeutet diese Empfehlung nicht automatisch, dass Babys durch ARA-angereicherte Produkte garantiert messbare Entwicklungsvorteile haben. Studien zeigen teilweise positive Effekte, aber nicht einheitlich. ARA und DHA kommen natürlicherweise auch in Muttermilch vor und sind Bestandteile von Zellmembranen. Sie spielen eine Rolle für Gehirn, Nervensystem und Sehentwicklung. Interessant: In der aktuellen Marktübersicht enthielten alle betrachteten Produkte ARA, obwohl es ein freiwilliger Zusatz ist.
HMO – die neuen Stars auf der Verpackung
Kaum ein Begriff taucht derzeit häufiger auf als HMO.
HMO steht für „Humane Milch-Oligosaccharide“. Diese besonderen Zuckerbausteine kommen natürlicherweise in Muttermilch vor und erfüllen dort zahlreiche Funktionen. Einige PRE-Nahrungen enthalten inzwischen einzelne industriell hergestellte HMO wie 2′-FL oder LNnT.
Klingt vielversprechend.
Trotzdem ist ein wichtiger Punkt entscheidend: Die wenigen zugesetzten HMO bilden nur einen kleinen Ausschnitt der großen Vielfalt von mehreren Hundert unterschiedlichen HMO in Muttermilch ab. Bisherige Studien liefern Hinweise auf mögliche Vorteile einzelner HMO. Eine allgemeine Empfehlung für HMO-haltige PRE-Nahrungen lässt sich daraus derzeit jedoch nicht ableiten.
Mit anderen Worten:
HMO sind wissenschaftlich interessant. Sie sind aber kein Muss und kein Beleg dafür, dass eine Nahrung insgesamt überlegen ist.
Probiotika – gute Bakterien, aber automatisch besser?
Probiotika sind lebende Mikroorganismen, meist bestimmte Lactobacillus- oder Bifidobakterien-Arten. Sie können die Zusammensetzung der Darmflora beeinflussen. Das ist ein biologischer Effekt und grundsätzlich spannend. Allerdings konnte bislang nicht überzeugend gezeigt werden, dass gesunde Säuglinge durch probiotische PRE-Nahrungen insgesamt weniger Krankheiten, Allergien oder andere relevante Gesundheitsvorteile haben.
Deshalb gelten Probiotika derzeit eher als möglicher Zusatznutzen und nicht als entscheidendes Qualitätsmerkmal.
GOS und FOS – oft unterschätzt
Neben HMO finden sich auf Zutatenlisten häufig auch GOS (Galacto-Oligosaccharide) und FOS (Fructo-Oligosaccharide).
Diese Präbiotika dienen bestimmten Darmbakterien als Nahrung. Für spezielle GOS/FOS-Mischungen ist gut belegt, dass sie den Stuhl etwas weicher machen und teilweise die Stuhlhäufigkeit erhöhen können. Das kann für manche Familien durchaus ein praktischer Vorteil sein.
Was daraus aber nicht automatisch folgt: ein umfassender Schutz vor Allergien oder Krankheiten.
Mehr Zusätze = bessere Milch?
Hier kommt wahrscheinlich die wichtigste Erkenntnis des ganzen Artikels: Mehr Zusätze = bessere Milch?
Nein.
Mehr Zusätze bedeuten nicht automatisch eine bessere PRE-Nahrung. Wissenschaftlich gibt es derzeit keine gesicherte Gesamtrangfolge von ARA, HMO, GOS/FOS und Probiotika.
Eltern können deshalb entspannt bleiben, wenn ihre gewählte Nahrung nicht jede neue Zutat enthält, die gerade beworben wird. Die meisten Babys werden mit den meisten PRE-Nahrungen gut versorgt. Und das ist vermutlich die entspannendste Nachricht für frischgebackene Eltern. ❤️
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Beratung durch Kinderärzt:innen, Hebammen oder qualifizierte Ernährungsfachkräfte.



